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(19.08.2008) (ots) - Im August 1968, mitten im Kalten Krieg, schien so
manchem Beobachter die militärische Besetzung der damaligen
Tschechoslowakei noch ein durchaus verständlicher Vorgang. Die beiden
Supermächte UdSSR und USA standen sich hochgerüstet gegenüber. Sie
duldeten in ihrem Vorfeld keine unkontrollierbaren Entwicklungen. Die
USA führten in Vietnam einen gnadenlosen Bombenkrieg gegen
kommunistische Aufständische. Sie hatten erst im Vorjahr zugesehen,
ja mitgeholfen, als in Griechenland das Militär die Panzer gegen das
Volk rollen ließ.
Hatte da nicht das Moskauer Politbüro umgekehrt jedes Recht, in Prag
mit Waffengewalt zu verhindern, dass die Dinge aus dem Ruder liefen?
Wer damals so dachte oder gar heute noch so redet, verkennt die
Bedeutung dieses 21. August, an dem die Truppen des Warschauer Paktes
den Tschechen und Slowaken die Grenzen der Selbstbestimmung
verdeutlichten. Denn in der CSSR war ja nicht eine von den USA
unterstützte Untergrundbewegung dabei, die Errungenschaften des
Sozialismus zu beseitigen.
In Prag und Bratislava hatten vielmehr die Kommunisten selbst die
Lehren gezogen aus den Verbrechen der Vergangenheit und dem Erstarren
eines Systems, das die Versprechen von einer glücklicheren Zukunft
nicht halten konnte. Erstmals überhaupt unternahm eine Regierung im
Sowjetblock den Versuch, seine Herrschaft auf die Zustimmung
wenigstens einer Mehrheit der Bürger zu begründen.
Dies wurde aus einer Reihe guter Gründe als Bedrohung für die roten
Machteliten in Moskau, aber auch in den anderen Hauptstädten des
Warschauer Paktes empfunden. Eine Gefahr aber für die Idee einer
gerechten, sozialen, freien Gesellschaft war der Prager Frühling zu
keinem Zeitpunkt.
Er war im Gegenteil der dann letzte Versuch, den großen
emanzipatorischen Anspruch der marxistischen Linken doch ins Glück
münden zu lassen. Deswegen auch verfolgten in ganz Europa die
Menschen mit gespannter Aufmerksamkeit die überraschende, so viel
versprechende Entwicklung in dem kleinen Land. Für viele Menschen,
die sich bis dahin an die Hoffnung geklammert hatten, es gebe eine
Alternative zum Kapitalismus, signalisierten die Bilder von den
Panzern in Prag das bittere Ende. Und geweint wurde nicht nur an der
Moldau - die hilflose Verzweiflung angesichts der Kriegsmaschinerie
lähmte auch weit jenseits der tschechoslowakischen Grenzen. Denn eine
Ideologie, die den Menschen, die sie zu beglücken vorgibt, so tief
misstraut, hatte keine Zukunft mehr. Im August 68 wurde in Prag nicht
nur der Protest niedergewalzt. An diesem fatalen Tag europäischer
Geschichte verspielte die kommunistische Bewegung den letzten Rest an
Existenzberechtigung. Die Tränen dieses Tages waren die Tränen des
Abschieds.
Originaltext: Lausitzer Rundschau
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