WAZ: Das Hartz-IV-Urteil Staatswillkür, kein Rechenfehler - Leitartikel von Stefan Schulte

(09.02.2010) (ots) - Nein, das Verfassungsgericht hat Hartz IV nicht gekippt. Es hat Rechenfehler festgestellt und nicht einmal bewerten wollen, ob Arbeitslose und ihre Kinder nun zu wenig Geld vom Staat kriegen oder nicht. Damit könnte man dieses Grundsatzurteil Grundsatzurteil sein lassen, ein bisschen nachrechnen und der Dinge harren. Genau das hat die Regierung offenbar vor. Gar fröhlich nannten sie das Urteil "begrüßenswert" und deuteten an, man könne ja anders rechnen, aber zum gleichen Ergebnis kommen. Doch wer so redet, hat nicht richtig hingeschaut: Die Verfassungsrichter werfen der Politik nicht weniger vor als Staatswillkür. Sie habe bei den Hartz-IV-Geldern "ins Blaue hinein", ja "freihändisch geschätzt". Und das nicht in irgendeiner Quartals-Prognose, sondern beim geschützten Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum. Rechenfehler sind eben nicht immer ein verzeihlich menschlicher Makel. Der, freilich gespielte, Gleichmut, mit dem Unionspolitiker das Urteil kommentieren, ist ebenso schwer erträglich wie die Versuche der SPD, aus der höchstrichterlichen Abrechnung mit ihrer Jahrhundertreform auch noch Kapital zu schlagen. Genug Grund zum Schämen liefert vor allem die juristische Aufarbeitung des Umgangs mit den Kindern. Der Staat, der ihnen eigentlich helfen müsste, ihren Arbeitslosenumfeld einmal zu entkommen, beraubt sie ihrer Lebenschancen. Das sagen einmal nicht linke Fundamentaloppositionelle, sondern die höchsten deutschen Richter. Und sie haben recht. Wenn sie nicht ohnehin in Problemvierteln aufwachsen, tragen Hartz-IV-Kinder in der Schule einen dicken Stempel auf der Stirn. Jeder weiß, dass ihre Eltern arbeitslos sind, spätestens, wenn die erste Klassenfahrt ansteht. Eine vergleichsweise reiche Wissensgesellschaft kann allein mit dem geistigen Kapital ihrer Bürger ihren Wohlstand halten. Doch untergräbt seit Jahren ihr eigenes Fundament, indem sie jedes vierte Kind schon in der Schulzeit abschreibt. Gleiche Bildungschancen kommen in jeder Berliner Fensterrede vor, nur nicht in der Wirklichkeit. Dass die Richter diesen Punkt so sehr herausgestellt haben, macht zugleich deutlich, dass sich die Chancengleichheit der Kinder eben nicht allein an den Regelsätzen festmacht. Wahrscheinlich ist es sogar richtig, die Bildungsausgaben aus dem monatlich an ihre Eltern fließenden Betrag herauszuhalten. Nur muss der Staat dann auch dafür sorgen, dass Kinder in Hartz-IV-Haushalten das nötige Schulmaterial und wenn es sein muss, auch Nachhilfe erhalten. Das ist wichtiger als ein höherer Regelsatz.

Originaltext: Westdeutsche Allgemeine Zeitung Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/55903 Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_55903.rss2

Pressekontakt: Westdeutsche Allgemeine Zeitung Zentralredaktion Telefon: 0201 / 804-6528 zentralredaktion@waz.de

Für die Nachricht "WAZ: Das Hartz-IV-Urteil Staatswillkür, kein Rechenfehler - Leitartikel von Stefan Schulte" übernehmen wir keine Haftung für Richtigkeit oder Volständigkeit. Die inhaltliche Haftung liegt beim presserechtlichen Meldungsgeber: ots /

363666
DER STANDARD-Kommentar "Kreative Buchhaltung von Günther Oswald ... weiter
Der Tagesspiegel: US-Unternehmen Better Place hofft auf deutsche Subventionen für Elektromobilität ... weiter
ACTA bedroht Zugang zu Medikamenten ... weiter
Der Hamburger Hafen gewinnt Marktanteile zurück und blickt auf eine positive Jahresbilanz im Seegüterumschlag ... weiter
Weser-Kurier: Familienunternehmer drohen IG Metall mit Halbierung der Lehrlingsplätze ... weiter
BDI: Bundesregierung sendet mit Rolle rückwärts bei ACTA fatales Signal ... weiter


Seite 1 von 8849
Anzeigen
Top Thema am 13.02.2012
LVZ: EU-Kommissar Oettinger: Eine Änderung des Gütesiegels Made in Germany sei nicht zeitgemäß Leipzig (ots) - Der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger hat es als nicht zeitgemäß bezeichnet, das deutsche Gütesiegel Made in Germany abzusc weiter
Karriere - Stellenmarkt
Stellenmarkt 10.000 Freie Jobs
Trotz Krise Stellen bundesweit! Lebenslauf einstellen und Firmen direkt kontakten. Machen Sie jagd auf Ihren Traumjob!
Quickfinder - Marktplatz & Service
Hotelsuche
Anzeigen
Login:Passwort:
Empfehlungen:
| Impressum | Datenschutz| AGB |


Android Market mehr Informationen schliessen schliessen