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(22.04.2008) (ots) - Nur Wasser, Hopfen, Malz und Hefe - daraus soll
es sein, das deutsche Bier, und weil der Bayernherzog Heinrich IV.
das vor 492 Jahren genauso sah, feiern wir heute den Tag des
deutschen Biers. Weil aber der Welttag des Buches auf dasselbe Datum
fällt, muss man auf die Reihenfolge achten - sonst kommt der
Vollrausch vor der Lektüre und verhindert diese. Die stellvertretende
Vorsitzende des Börsenvereins des deutschen Buchhandels hat
offensichtlich zuerst getrunken.
Anders ist Viola Taubes Vorschlag, in der Schule sollte Goethe nicht
gelesen werden, kaum zu erklären. Die Funktionärin hält es allen
Ernstes für pädagogisch geboten, auf den Abstand zwischen der
»unsäglichen« Schullektüre (Goethe) einerseits und den Lebenswelten
der Jugendlichen andererseits mit unmittelbar problembezogener
Literatur zu reagieren. Sei beispielsweise Mobbing in der Klasse ein
Thema, so solle die Auseinandersetzung mit dem Sujet anhand
entsprechender Texte erfolgen.
Gute Deutschlehrer nehmen seit Jahr und Tag ihre Schüler bei der Hand
und führen sie durch ein Jahrtausend deutscher Literatur, in dem
Walther von der Vogelweide ebenso seinen Platz haben muss wie Martin
Walser und Daniel Kehlmann. Und Goethe.
Die Klassiker so zu idealisieren, dass sich der Bezug zum Heute im
bildungsseligen Wolkenkuckucksheim pulverisiert, war einst beliebte
Schulpraxis, aber schon immer falsch. Auch ist es ein Irrtum zu
glauben, frühere Schülergenerationen hätten sich bei der Ankündigung,
jetzt werde der »Faust« gelesen, vor Begeisterung Zopfmuster ins
Beinkleid gekniffen. Nick Knatterton fand mehr über die Welt heraus
als Goethes Titelheld, Batman hatte coolere Tricks drauf als
Mephisto, und bei Heidi Klum wäre aus der Gruppe der Manga-Models das
Gretchen als erstes rausgeflogen.
Ja, so denken wir in jungen Jahren alle.
Mit der Zeit aber erschließen wir uns vielleicht doch noch den
unwiderstehlich farbenprächtigen Kosmos der Literatur. Dafür
allerdings muss der Keim der Liebe zum geschriebenen Wort in uns
gelegt sein. Der Welttag des Buches ist löblich. Ungleich wichtiger
ist die Schule. Völlig unverzichtbar wiederum sind die Eltern: Das
Kind findet seinen individuellen Zugang zur Welt, indem es die
Erwachsenen nachahmt - im Haus, in dem die Eltern lesen, vorlesen
zuerst, eröffnen sich ihm soziale Chancen, die literaturferne Kinder
niemals erhalten.
»Wenn Oliver Kahn öffentlich sagt, er lese gerne, kommt das bei den
Leuten an«, behauptet Viola Taube. Kennen Sie jemanden, der wegen
Olli in die Buchhandlung rennt? So ein Schmarrn! Er rennt zum
Fußballplatz.
»Lesen ist ungeschützter Verkehr mit dem Intellekt des Anderen«, sagt
der Philosoph Peter Sloterdijk. Wohl wahr: Wer liest, lässt sich auf
fremde Vorstellungen ein. Wer liest, macht sich nicht zum Maßstab
aller Dinge. Wer liest, schätzt das Miteinander. So verstanden, ist
der Bücherfeind aller Welt Feind: bedingt sozialverträglich.
Originaltext: Westfalen-Blatt
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Andreas Kolesch
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