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(19.08.2008) (ots) - Von Nina May
Es scheint, als ginge es um eine ernsthafte politische
Auseinandersetzung: Sat1 startet heute die Doku-Reihe "Gnadenlos
gerecht", in der Sozialfahnder Hartz-IV-Betrüger überführen.
Arbeitslosenverbände protestieren. Doch natürlich geht es dem Sender
nicht darum, wie behauptet, gesellschaftliche Realität abzubilden.
Das zeigt sich schon in der reißerischen Aufmachung des Formats als
tatortähnlicher Ermittler-Pas-de-deux mit zugeteilten Rollen
(temperamentvoll die Frau, souverän der Mann).
Es geht Sat1 aber auch nicht in erster Linie darum,
Hartz-IV-Empfänger zu stigmatisieren oder eine neue
Missbrauchsdebatte anzufachen, wie Kritiker befürchten. Was zählt,
ist allein die Provokation. Der inszenierte Skandal, der für einen
kurzen Moment einen Vorsprung im medialen Rennen um Aufmerksamkeit
verheißt. Wenn es niemanden mehr stört, wenn Stars von vorvorgestern
im Dschungel Maden verspeisen oder die Austauschmutter ihrem Leihkind
den Hintern versohlt, muss ein neuer Aufreger her. So die einfache
Logik der Dokusoap. Insofern tragen die Arbeitslosenverbände mit
ihrem Veto noch dazu bei, dass das Marketingkonzept von Sat1 aufgeht.
Es gibt jedoch einen Unterschied zu Formaten wie "Dschungelcamp" oder
der aktuellen MTV-Show "Celebrity Rehab", die Promis beimDrogenentzug
begleitet: Dort drängen abgehalfterte VIPs für ein bisschen Ruhm auf
die Bühne. Im Gegenzug machen sie sich vor laufender Kamera
lächerlich und befriedigen so den Voyeurismus des Zuschauers. Es gibt
also eine Art von wechselseitigem Nutzen. Doch bei "Gnadenlos
gerecht" werden Menschen ins Rampenlicht gezerrt, die in der
Selbstinszenierung ungeübt sind. Die Zuschauer können sich entweder
am hilflosen Elend der (tatsächlich) Bedürftigen oder an der
Bestrafung der Betrüger ergötzen. Dabei setzt der Sender auf die
Schnüfflermentalität, auf das heimliche Vergnügen nach dem Motto "Den
ham'se erwischt" und die Befriedigung, das eigene Vorurteil gegenüber
Arbeitslosen bestätigt zu sehen. Das ist schlicht armselig.
Die Angst von Interessenverbänden jedoch, dass die Sendung eine
"Hetzjagd" auf Hartz-IV-Empfänger auslösen könnte, ist
höchstwahrscheinlich unbegründet. Politiker werden sich hüten, sich
von einem Privatsender zu einer neuen Missbrauchsdebatte anstacheln
zu lassen - zumal die letzte eher peinlich für den damaligen
Arbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) ausging, der schärfere
Kontrollen forderte und bei der Missbrauchsquote danebenlag, die er
bei 20 statt der tatsächlichen zwei Prozent ansetzte. Das private
Gestänker vor dem Fernseher dürfte hingegen groß sein. Das wäre doch
mal ein Thema für eine Doku.
Originaltext: Leipziger Volkszeitung
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