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(23.11.2008) (ots) - Bauer wird Star. Noch nie in der Geschichte war
es so einfach, bekannt zu werden. Bis zu acht Millionen Menschen
verfolgen jeden Montag am Fernseher, wie einsame Landwirte Frauen den
Schweinestall zeigen, ihnen selbstgemachte Wurst aufs Brot legen und
mehr oder weniger ungelenk zarte Bande zu knüpfen versuchen. Anstatt
zum Objekt der Belustigung zu werden, avanciert der singende Schäfer
Heinrich zum Medienstar.
Er wird von Party zu Party weitergereicht, singt vor johlender Menge
sein Lied und schreibt, umringt von jungen Damen, Autogramme.
»Wahnsinn«, sagt Heinrich und schüttelt selbst den Kopf. Er weiß
nicht so recht, wie ihm geschieht. Eigentlich sucht er mit Hilfe des
Fernsehens nur eine Frau. Und dann ist er plötzlich ein Star. Die
Berichterstattung hat sich verselbständigt.
Bis zum Fernsehzeitalter entschieden die Herkunft, Geld und
außergewöhnliche Begabungen darüber, ob jemand über die Grenzen
seiner Stadt hinaus bekannt wurde. Im Mittelalter konnte kein Mensch
ein Star werden, da durfte nur Gott angebetet und gerühmt werden. Bis
die Französische Revolution 1789 die Herrschaft des Adels brach,
bildete vornehme Abstammung die Voraussetzung für eine Karriere in
Politik und Militär. Lediglich Musik, Literatur und Wissenschaft
boten einem Bürgerssohn Gelegenheit, sich aus der grauen Masse
hervorzuheben. Ohne solides Wissen und Begabung ging nichts, das
Bildungsbürgertum hieß nicht ohne Grund so.
Waren die Stars früher Mozart und Schiller, heißen sie heute Bohlen
und Pocher. Das Fernsehzeitalter hat das jahrhundertealte Verständnis
von Berühmtheit verändert: Heute sind außergewöhnlichen Talente kein
Muss mehr, um im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Schon der Mut,
vor die Kameras zu treten, kann reichen, damit jemand zum Star wird.
So wie der singende Schäfer Heinrich in »Bauer sucht Frau«: Er hat
die Courage, seine Schüchternheit im Umgang mit Frauen vor einem
Millionenpublikum zu offenbaren. Das Fernsehen hat den Weg zum Star
beliebig gemacht, Berühmtheit vervielfacht. Gefeiert wird, wer viel
kann, aber auch, wer einfach so ist, wie er ist. Großartige Musiker
wie Herbert Grönemeyer sind heute genauso Stars wie singende Schäfer
aus dem Sauerland.
Ist diese Entwicklung bedauerlich oder erfreulich? Ersteres. Denn das
Fernsehen hat Berühmtheit nicht nur beliebig, sondern auch
schnelllebig gemacht. Den singenden Schäfer Heinrich kennt in drei
Jahren niemand mehr. Und außerdem: Wer dadurch bekannt wird, dass er
in einem Dschungelcamp Kakerlaken verspeist, ist ein fragwürdiger
Star. Er kommt in kein Geschichtsbuch. Komponist Beethoven, Dichter
Heine, Politiker Bismarck, Wohltäterin Mutter Theresa und
Weitsprungolympiasiegerin Heike Drechsler stehen bereits drin, weil
sie auf ihrem Gebiet Großartiges geleistet haben. Deshalb können wir
dem singenden Heinrich alles Gute bei der Suche nach einer Frau
wünschen, aber wir sollten ihn nicht Star nennen.
Originaltext: Westfalen-Blatt
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