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(28.06.2006) (ots) - Der ostdeutsche Schriftsteller Adolf Endler, 75,
beklagt in der ZEIT die Vergangenheitsverklärung der DDR. "Vor 1989
waren höchstens 30 Prozent der Leute für den Staat ... Ich glaube,
die DDR-Nostalgie entspringt den Empfindungen dieser 70 Prozent, die
nicht an die DDR geglaubt haben, aber sich heute an etwas Schönes
erinnern wollen. Das ist die neue Schizophrenie." Endler: "Alte
Stasi-Generäle stellen sich hin und behaupten, das Gefängnis
Hohenschönhausen sei eine gute Adresse gewesen."
Es gebe, so Endler, bis heute kein einziges Buch, in dem ein
Informeller Stasi-Mitarbeiter (IM) beschreibe, was er gemacht habe:
"Höchstwahrscheinlich existiert eine Geheimorganisation, die
ehemalige Stasi-Leute davon abhält, sich zu äußern. Die haben Angst."
Dennoch sei es abwegig, die DDR als "zweite deutsche Diktatur" zu
bezeichnen und so einen Zusammenhang mit Nazi-Deutschland
herzustellen: "Die DDR hatte kein Auschwitz. Punktum. Die DDR war
abhängig von der Sowjetunion, Großdeutschland war nicht abhängig von
irgendwem. Hitler wurde von 95 Prozent der Deutschen akzeptiert,
sodass die keine IMs brauchten, weil es Tausende von Denunzianten
gab. Die DDR hingegen hatte 70 Prozent der Bevölkerung gegen sich,
deshalb brauchte man IMs. Da sind riesige Unterschiede." Die DDR sei,
verglichen mit der Nazizeit, zwar ziemlich harmlos gewesen, ein "ganz
mieser Polizeistaat" sei sie aber gewesen.
Endler gehört zu den kreativsten und eigenwilligsten Autoren der
ehemaligen DDR. Er ist der seltene Fall eines in den Osten gegangenen
Westdeutschen. Er lebt heute in Berlin-Pankow.
Das komplette ZEIT-Interview der ZEIT Nr. 27 vom 29. Juni 2006
senden wir Ihnen gerne zu.
Originaltext: DIE ZEIT
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