Aachener Zeitung: Kommentar zu Missständen bei Pflege: Ja, ein richtiger Skandal |
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| (31.08.2007) (ots) - Von Bernd Mathieu / Sage mir, wie du mit den Alten
umgehst, und ich sage dir, in welcher Gesellschaft du lebst. Das
klingt pathetisch, ist aber wahr. Wer den "Qualitätsbericht" über die
Pflege unserer alten Menschen liest, wird spontan sagen: Da leben wir
offensichtlich in einer gefühllosen und kalten Welt. Etwa jeder
dritte pflegebedürftige alte Mensch wird nicht richtig versorgt, hat
nicht genügend zu essen und zu trinken, wird nicht häufig genug
gedreht, korrekt gebettet oder eingerieben.
Ja, das ist tatsächlich mal ein richtiger Skandal. Ausnahmsweise
hörte man gestern nicht das typische Gestammel aus der Politik, nicht
den üblichen rhetorischen Quark, der oft nur die stillose Bemäntelung
der Hilflosigkeit darstellt. Die Herrschaften schwiegen lieber.
Man müsste den tausenden Pflegerinnen und Pflegern jeden Tag in
dieser Republik ein Denkmal setzen. Die meisten haben die Grenzen
ihrer Möglichkeiten längst überschritten, manche ihren Beruf
resigniert aufgegeben.
Die Frustration über unzumutbare Rahmenbedingungen ist seit Jahren
bekannt. Der Kostendruck provoziert die Nachlässigkeit, die Ohnmacht,
die täglichen Verstöße gegen die Menschlichkeit. Der Bericht
dokumentiert, was wir schon lange wissen: Die Leistungen der
Pflegeversicherung reichen nicht, und die Beitragserhöhung um 0,25
Prozentpunkte wird daran nichts ändern.
Wie in den heiklen Fragen der Bildung, des Arbeitsmarktes und der
Demographie drücken wir uns auch hier vor klaren Entscheidungen und
verdrängen absehbare zukünftige Tatsachen. Natürlich gibt es
Sofortmaßnahmen gegen Heime, in denen die Alten schlecht behandelt
werden: unangemeldete Kontrollbesuche, Schließung. Oder wie im Kreis
Aachen Gütesiegel für gute Einrichtungen.
Warum schaffen die skandinavischen Länder eine so vorzügliche Pflege-
und Palliativbetreuung? Warum sind sie uns auch hier - wie bei "Pisa"
und Schule - so weit voraus? Warum gelingt es diesen (und anderen)
Ländern so viel besser, gut aufgestellt zukünftige Herausforderungen
anzunehmen?
Man schaue sich nur diese deutsche Woche an: Montag der Bericht über
das skandalöse Ausmaß der Kinderarmut, Mittwoch Fakten über die
Abzocke von Hartz-IV-Empfängern als unbezahlte Arbeitskräfte in
dubiosen Praktika, am selben Tag die Studie über das unüberschaubare
Angebot in der Altersvorsorge, die deshalb kaum vorankommt.
Wozu haben wir Parteien? Warum haben wir sie gewählt? Um uns ohne
richterlichen Beschluss unseren Computer durchsuchen zu lassen? Oder
Oskar Lafontaine zu ermöglichen, in Kuba Loblieder auf Castro zu
singen? Zum Beispiel.
Was hält die bürgerliche Gesellschaft zusammen? Wo ist ihre
Solidarität? Wird Verantwortung nur noch delegiert? Oder macht man
selbst den Mund auf, engagiert sich, trägt zur Veränderung bei? Ist
Klartext schon Provokation? Das Feuerwerk an Belanglosigkeiten macht
uns unsensibel für Fehlentwicklungen. Es lässt sich so schön leben im
Milieu des Unverbindlichen und Ungefähren. Der Politik kommt das
entgegen. Siehe oben. Originaltext: Aachener Zeitung Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/61649 Pressemappe via RSS : feed://www.presseportal.de/rss/pm_61649.rss2 Pressekontakt: Rückfragen bitte an: Aachener Zeitung Redaktion Wolfgang von Wilpert Telefon: +49 (0241) 5101-418 w.vwilpert@zeitungsverlag-aachen.de 201940 |
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