Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema Fußball-EM

(06.06.2008) (ots) - 31 Spiele an 23 Tagen. Es darf wieder mitgefiebert und mitgejubelt, mitgezittert und mitgetrauert werden. Der Sommer 2008 steht ganz im Zeichen des Fußballs - es ist Euro-Time. Ausweichen wird schwierig, aber wer will das schon? Und es ist spannend: Selten gab es mehr Anlass zu behaupten, dass eine EM eine WM ohne Brasilien und Argentinien ist. Europa stellte 2006 sechs der acht WM-Viertelfinalisten und alle vier WM-Halbfinalisten. Es lockt also großer Sport. Aber großen Sport bieten auch andere Athleten zuhauf, die Strahlkraft des Fußballs allerdings bleibt für sie zumeist unerreichbar. Dabei ist Fußball so ein simples Spiel. Es kennt nur eine einzige komplizierte Regel - und wer »Abseits« nicht versteht, kann damit sogar noch kokettieren. Die große Kraft, die dem Fußball innewohnt, hat zweifelsohne etwas Elementares. Fußball verbindet. Wann haben Sie die Bundeskanzlerin Angela Merkel zuletzt so ausgelassen gesehen wie bei Ballacks Siegtreffer im EM-Testspiel gegen die Serben? Wahrscheinlich beim Sieg im Elfmeterschießen über Argentinien im WM-Viertelfinale 2006! Überhaupt: der WM-Sommer 2006. Er hat uns berauscht, er berauscht uns noch immer. Jeder hat seine Erinnerung an diese Wochen, als auf der deutschen Bühne ein großes, buntes, ausgelassenes und vor allem friedliches Sommermärchen gegeben wurde und Leute, die den besonderen Kick nicht verspürten, nur sehr schwer zu finden waren. So hoffen wir auf eine Wiederholung - aber wiederholt sich Geschichte? Die gute Nachricht: Sie wiederholt sich nicht. Im Halbfinale können uns die Italiener diesmal noch nichts anhaben. Ansonsten aber hätten wir gegen eine Neuauflage nicht viel einzuwenden. Public Viewing ist in aller Munde. Schwarz-rot-goldene Schminke macht niemanden mehr zum Außenseiter. Rechtfertigen muss sich heute nicht der, der das Deutschland-Fähnchen am Auto hat, sondern der, der es nicht ans Auto klemmt. Party oder Patriotismus - unter diesem Schlagwort ist die Diskussion um das neue Nationalgefühl der Deutschen schon vor zwei Jahren geführt worden. Für beide Interpretationen gibt es gute Gründe, und am wahrscheinlichsten ist, dass das eine richtig ist, ohne dass das andere falsch sein muss. Wenige hätten etwas dagegen, wenn sich beides, ein positives Nationalgefühl und die Feierlaune, erneut Bahn bricht und »Angie« wieder den Oberfan gibt. Aber wir sollten bei alledem nicht vergessen, dass Fußball eine Nebensache bleibt, wenn auch für viele die schönste der Welt. Wir sollten die Fairness über den Erfolg stellen, wir sollten respektieren, wenn ein anderes Team besser ist. Gerade auch dafür haben wir 2006 ein wunderbares Beispiel gegeben. Freuen wir uns auf das erste Spiel gegen die Polen, die diesmal noch nicht mit dem Rücken zur Wand stehen. Vielleicht wird es wieder so spannend wie am 14. Juni 2006, und vielleicht hat Deutschland wieder das bessere Ende für sich - ein Märchen mehr kann schließlich nicht schaden.

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