Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum schilderlosen Bohmte |
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| (22.06.2008) (ots) - Klare Regeln vereinfachen das Leben. Das gilt
auch im Straßenverkehr. Vorfahrt- und Stoppschilder verhindern
Unfälle und Anarchie. Diese weithin für selbstverständlich gehaltene
Überzeugung gerät gerade ins Wanken. In der Gemeinde Bohmte bei
Osnabrück läuft seit einem Monat ein für die ordnungsliebenden
Deutschen schier unglaubliches Experiment: An der Hauptverkehrsstraße
gibt es keine Verkehrsschilder, Ampeln und Bürgersteige mehr. »Shared
Space« heißt das Projekt der Europäischen Union, bei dem die Diktatur
der Schilder durch die Höflichkeit der Verkehrsteilnehmer ersetzt
werden soll. Shared Space heißt Raum für alle. Durch den Wegfall von
Regeln soll Rücksicht gefördert werden.
Das von dem Niederländer Hans Monderman ersonnene Konzept setzt auf
Unsicherheit für den Einzelnen, die letztlich zu mehr Sicherheit für
alle führen soll. Heißt konkret: Ohne Ampel fahre man langsamer in
die Kreuzung hinein und verständige sich per Handzeichen, damit
nichts passiert.
So weit die faszinierend klingende Theorie. Ob Bohmte ein Modell für
Deutschland wird, muss allerdings bezweifelt werden. Da sind zum
einen die Kosten. Ein gemeinsamer Verkehrsraum für Autofahrer, Radler
und Fußgänger erfordert aufwändige Umbauten wie eine einheitliche,
durchgehende Pflasterung aller Flächen. Das kostet bundesweit
Milliarden Euro - Landkreise, Städte und Gemeinden würden Zeter und
Mordio schreien. Schließlich ist es nicht damit getan,
Verkehrsschilder abzumontieren und einzumotten.
Demokratie im Straßenverkehr hört sich nett an, kann aber allenfalls
für Gemeinden und Kleinstädte und dort nur in einzelnen Vierteln
empfohlen werden. Die Erfahrungsberichte aus den sieben
Shared-Space-Projekten in Belgien, England, Holland und jetzt
Deutschland sind viel zu dünn, als dass dieses Konzept mit ruhigem
Gewissen auf Straßen mit hohem Durchgangs-, Einkaufs- und
Schülerverkehr ausgeweitet werden könnte. Hier per se Rücksichtnahme
vorauszusetzen, wäre leichtfertig, schließlich gibt es genug Rabauken
auf unseren Straßen. Hinzu kommen die von Alkohol oder Drogen
Benebelten: Hier ist das Rotlicht der Ampel noch am ehesten in der
Lage, ins Bewusstsein zu dringen.
Dass es nicht völlig ohne Vorgaben geht, weiß man auch in Bohmte.
Dort gilt, bei aller Höflichkeit, rechts vor links. Das
Verkehrsexperiment in Niedersachsen sollte nicht überbewertet,
sondern als Ansporn verstanden werden, den Schilderwald so weit wie
möglich zu lichten. Da ist einiges möglich, wie der ADAC 1998 in der
Kleinstadt Schwelm vorexerzierte: Jedes dritte Schild wurde entfernt,
ohne dass die Sicherheit gelitten hätte. Im Gegenteil: Ein Zuviel an
Information überfordert Verkehrsteilnehmer, wissen Psychologen. Das
rechtfertigt aber keineswegs Tabula rasa, und deshalb darf Bohmte
nicht das Ende von Vorfahrt- und Stoppschildern einleiten, denn sie
werden zu unser aller Schutz weiter gebraucht. Originaltext: Westfalen-Blatt Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/66306 Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_66306.rss2 Pressekontakt: Westfalen-Blatt Nachrichtenleiter Andreas Kolesch Telefon: 0521 - 585261 256759 |
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