Westfalen-Blatt: Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) schreibt zur Zinserhöhung der EZB: |
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| (03.07.2008) (ots) - Dafür, dass eigentlich alle mit einer Erhöhung
um mindestens 0,25 Prozentpunkte gerechnet hatten, ist das Geschrei
nach der nun gestern tatsächlich erfolgten Anhebung des europäischen
Leitzinses ziemlich groß. Von Frankreichs Staatspräsident Nicholas
Sarkozy bis zum deutschen Finanzminister Peer Steinbrück und vom
Wirtschaftsweisen Peter Bofinger bis zum Deutschen Gewerkschaftsbund
reicht die Linie der Demonstranten. Unwillkürlich fragt man sich: Was
haben all die Herren eigentlich für ein Bild von der Europäischen
Zentralbank?
Mehr als ein Jahr ist es her, dass die Währungshüter das letzte Mal
den Leitzins verändert haben - mehr als ein Jahr, in dem die Preise
in Europa nur eine Richtung kannten: weiter nach oben. Vor allem mit
Blick auf die als Folge der US-Hypothekenkrise ohnehin geschrumpfte
Geldmenge bei den Banken hat die EZB es die ganze Zeit bei Mahnungen
belassen. Nun, da die Inflation aber schon an der Vier-Prozent-Marke
kratzt, hat sie ein Mal die Rolle des Papiertigers verlassen und
einen Viertelpunkt zugebissen: Schon soll sie der Mörder der
Konjunktur und schuld an einer neuen Massenarbeitslosigkeit sein?
Eine ernst zu nehmende Kritik sieht anders aus.
Zugegeben: Der konjunkturelle Aufschwung hat sich verlang
samt - in Deutschland ein bisschen, in Irland, Spanien und Italien
ein bisschen mehr. Insofern könnte man meinen, die Zentralbank trete
bei einem langsamer werdenden Zug noch zusätzlich auf die Bremse.
In Wirklichkeit aber haben sich schon neue Heizer in der Lokomotive
eingefunden: Gewerkschaftsführer, die mit Blick auf die tatsächliche
und die erwartete (!) Preissteigerung ihre Lohnforderungen immer noch
weiter in die Höhe schrauben. Würden sie sich durchsetzen, käme die
Inflationsspirale erst richtig in Schwung. Verlierer wären am Ende
alle: die Unternehmen, die Beschäftigten und die Verbraucher. Die
sinkende Kaufkraft wäre dann in der Tat eine viel mächtigere
Konjunkturbremse als die jetzige kleine Zinserhöhung.
Die von Jean-Claude Trichet und seinen Direktoriumskollegen in der
EZB beschlossene Währungsmaßnahme wird über einen längeren Zeitraum
dazu führen, dass sich die Kredite ein bisschen verteuern werden. Die
Möglichkeit, dass eine Millionen- oder gar Milliarden-Investition an
den 0,25 Prozentpunkten scheitert, ist natürlich vorhanden. Sie ist
aber wesentlich kleiner als der Einfluss der Energiekosten und der
Währungsrelation, der Lohnentwicklung und selbst der Inflationsrate
auf die Investitionsentscheidungen.
Öl, da haben die Kritiker recht, wird durch eine Veränderung des
Leitzinses nicht billiger. Hier müssen andere Mechanismen von Angebot
und Nachfrage greifen. Aber es ist schon viel gewonnen, wenn die
Inflationserwartung durch den Zinsschritt gebremst wird. Denn gerade
beim Geld gilt: Was alle erwarten, tritt auch ein - schon allein
deshalb, weil alle ihre Handeln danach ausrichten. Originaltext: Westfalen-Blatt Digitale Pressemappe: http://www.presseportal.de/pm/66306 Pressemappe via RSS : http://www.presseportal.de/rss/pm_66306.rss2 Pressekontakt: Westfalen-Blatt Nachrichtenleiter Andreas Kolesch Telefon: 0521 - 585261 259283 |
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