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(21.11.2008) (ots) - Ab Mitte Oktober bricht für die Analysten stets
eine arbeitsreiche und schwierige Zeit an. Es gilt, die
Marktprognosen für das kommende Jahr zu erstellen und sie dem eigenen
Vorstand, den Kunden und dann auch der Öffentlichkeit zu
präsentieren. Diesmal sollte es den Experten besonders schwer fallen,
die Entwicklung der Märkte vorauszusagen. Die Finanz- und
Wirtschaftskrise wütet rund um den Globus. Die Aktienkurse sinken so
rasch, dass die Marktbeobachter kaum noch mit der Anpassung ihrer
Kursziele hinterherkommen. Und so manchen Analysten mag auch ein
schlechtes Gewissen plagen, schließlich lagen die meisten Banken vor
einem Jahr mit ihren Vorhersagen für 2008 meilenweit daneben. Gemäß
einer Ende vergangenen Jahres bei 25 Häusern durchgeführten Umfrage
der Börsen-Zeitung müsste der Dax Ende Dezember, also in knapp sechs
Wochen, bei 8132 Punkten stehen. In der Realität sieht die Lage etwas
anders aus, der deutsche Leitindex hält sich nur mit größter Mühe
oberhalb von 4000 Punkten.
Trotz der enormen Unwägbarkeiten zeichnet sich bei vielen
Analysten ein gemeinsames Thema ab, wenn sie die Fragen der bangenden
Anleger und Kunden sowie der skeptischen Journalisten beantworten:
Ja, es ist nicht auszuschließen, dass die Krise noch schlimmer wird.
Aber nein, den Aktienmärkten droht daraus kein oder kaum neues
Ungemach, weil im Grunde alles längst in den Märkten eingepreist ist.
Dies scheint sich freilich an den Börsen noch nicht so recht
herumgesprochen zu haben: In der gerade beendeten Handelswoche
krachte der Dax um mehr als 12% herunter, der US-Benchmark-Index
S&P500 sogar um fast 14%.
Für den Optimismus der Analysten gibt es plausible Gründe. Keine
Rolle dürfte dabei spielen, dass - wie böswillige Zeitgenossen
gelegentlich kolportieren-von den Vorstandsetagen ein gewisser Druck
auf die Analysten hinsichtlich des Tenors ihrer Prognosen ausgeht.
Stattdessen darf man annehmen, dass die Analysten bereits in
festlicher Weihnachtsstimmung sind, die einfach keinen Raum für allzu
schlechte Nachrichten lässt. Sucht man nach den Ursachen für die
anhaltenden Kursverluste, so fallen gleich mehrere Faktoren ins
Gewicht. So gibt es nach wie vor Hiobsbotschaften aus dem
Bankensektor. Damit hat die Hoffnung, dass die Verluste verarbeitet
sind und nun allmählich Ruhe einkehrt, getrogen. Inzwischen zeichnet
sich ab, dass mehr oder weniger die gesamte Aktivseite der
Bankbilanzen von der Krise erfasst ist. Es geraten offensichtlich
immer neue Assetklassen, in denen Banken engagiert sind, in
Schwierigkeiten: Hinsichtlich der Gefahren aufgrund von faulen
Kreditkartenforderungen hat die Bank of America jüngst gewarnt. Zudem
soll es bei gewerblichen US-Immobilien erste Schieflagen geben.
Rapide verschlechtert haben sich auch die konjunkturellen
Aussichten, was die Konsens-Gewinnschätzungen der Analysten für die
Unternehmen im S&P500 und auch im Dax immer noch nicht hinreichend
widerspiegeln. So wird für das kommende Jahr gemäß der
Konsensschätzung ein Anstieg der Gewinne im S&P500 von 14% erwartet -
angesichts der schwersten Rezession seit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs ist dies unrealistisch. Dass der Markt darauf sensibel
reagiert, ist kaum verwunderlich.
Hinzu kommen weitere Faktoren wie der anhaltende Abverkauf der
Hedgefonds. Auch hier ist es unrealistisch, von einem baldigen Ende
auszugehen. Gemäß den Schätzungen von Branchenkennern dürften die
Assets under Management von Hedgefonds im ersten Quartal um 600 Mrd.
Dollar schrumpfen. Gegenüber den 100 Mrd. Dollar im Oktober dürfte
sich das Tempo des Niedergangs der Hedgefondsbranche also eher noch
beschleunigen - mit entsprechenden Folgen für die Märkte.
Dass der Dax kurzfristig die Marke von 4000 Punkten durchbricht,
zeichnet sich klar ab. Interessanter ist die Frage, ob er auch noch
unter 3000 Punkte rutscht. Da das Ausmaß der Krise und der Rezession
kaum vernünftig auszuloten ist, werden sich die Anleger bis weit ins
nächste Jahr hinein mit Käufen zurückhalten.
(Börsen-Zeitung, 22.11.2008)
Originaltext: Börsen-Zeitung
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