Lausitzer Rundschau: Helmut Schmidt feiert seinen 90. / Der Erste der Bürger

(22.12.2008) (ots) - Mit der Milde des Blicks weit zurück lässt sich unendlich viel Gutes sagen über diesen Hamburger Sozialdemokraten Helmut Schmidt, der wie kein anderer der Lebenden die Geschichte der Bundesrepublik verkörpert. Da darf ein jeder mitloben, mitfeiern, obwohl der frühere Bundeskanzler doch zu jeder Zeit auch ein Mann der Kontroversen war und geblieben ist. Tatsächlich taugt Schmidt-Schnauze, wie er seiner scharfen Polemik wegen manchmal genannt wurde, aber weniger als Objekt pathetischer Würdigung, sondern vielmehr als kritische Messlatte für Anspruch und Wirklichkeit. Er ist trotz all dem autoritären Gehabe, das ihm nicht fremd ist, nach den Erfahrungen des nationalsozialistischen Schreckens ein überzeugter und überzeugender Demokrat geworden - als Bundeskanzler der Erste unter den Bürgern. Er hat verstanden, dass in der Demokratie die hohen Ämter zuvorderst Verpflichtung sind. Damit verkörpert er die besten Traditionen der Freien und Hansestadt Hamburg, die reich wurde ihrer Weltoffenheit wegen und in Schutt und Asche versank, als sich Deutschland anschickte, in verbrecherischer Überheblichkeit alle Grenzen zu missachten. Schmidt ist Vorbild, weil er öffentliche Ämter in solcher stolzen Hanseatentradition als Dienst begreift. Und klar war auch, dass er sich weigerte, dafür Orden ans Revers geheftet zu bekommen. Zu den denkwürdigen Momenten seiner achtjährigen Kanzlerschaft gehörte im Jahr 1981 ein Besuch des Weihnachtsmarktes im mecklenburgischen Güstrow zusammen mit dem DDR-Chef Erich Honecker. Eingerahmt von Hundertschaften der Staatssicherheit wurde der Bundeskanzler zum Komparsen eines Schmierenstücks, das erahnen ließ, wohin die Reise gehen würde im Osten. Schmidt hat damals wenig gesagt dazu, dann aber immer energischer die Aufrüstung der Nato gefordert, die ihren Anteil hatte am Kollaps des Sowjetimperiums. Die SPD, seine Partei, die ihn heute feiert, wollte da nicht mittun, und der Partner FDP sah seine Chance zum Wechsel zu Helmut Kohl. Der Erste der Bürger ging in atemberaubender Würde und begann zu schreiben.

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